Ausdehnung und Zustand des Schwarzmilzferners im August 22

Ausdehnung und Zustand des Schwarzmilzferners im August 22
Der Schwarzmilzferner im August 2022.

Die meisten Menschen werden wohl sagen, dass es sich beim Schwarzmilzferner nicht mehr um einen Gletscher oder Ferner handelt, weil er keine Anzeichen einer Bewegung des Eises mehr zeige. Die Ausdehnung des Schwarzmilzferners ist seit vielen Jahren im Abnehmen. Heute handelt es sich immerhin noch um ein Eisfeld mit einer ungefähren Ausdehnung von 70 oder 80 mal 150 oder 180 Metern, also maximal einer Fläche von 1,44 Hektar. Die Fläche ist teilweise geneigt mit einer Neigung von bis zu 10 Grad. Minimale Bewegungen dürften hier nicht auszuschließen sein, aber das sind Spitzfindigkeiten. Streiten ließe sich vermutlich über die Frage, ob Spalten auf dem Eisfeld vorhanden sind oder nicht. Ich neige zu der Aussage, dass sie vorhanden sind und belege dies durch eigene Aufnahmen hier in diesem Beitrag.

Ende August war der Neuschnee des vergangenen Jahres abgetaut und nur mehr der verdichtete Firn der letzten Jahre oder das blanke Eis war zu sehen. Damit lässt sich überhaupt erst die Ausdehnung und Größe und auch das Volumen des Eises abschätzen bzw. mit dem Stand in anderen Jahren vergleichen. Wie ich bereits in einem früheren Artikel beschrieben habe, war der Schwarzmilzferner vor 170 Jahren ein gar nicht so kleiner Gletscher mit ausgeprägten Spalten. Das zeigen folgende historische Aufnahmen immer noch sehr gut, auch wenn sie nicht in die Zeit des Gletscherhöchststandes der kleinen Eiszeit zurückreichen. 

Ausdehnung des Schwarzmilzferners anhand von historischer Aufnahme
Schwarzmilzferner mit Mädelegabel im Jahr 1909 (Quelle: Oberstdorfer Verschönerungsverein)
historische Aufnahme vom Schwarzmilzferner
Diese Aufnahme von 1917 zeigt eine ziemlich große Spalte auf dem Gletscher. (Quelle: Oberstdorfer Verschönerungsverein)

Die Umgebung des Schwarzmilzferners

In der Umgebung des Eisfeldes findet der aufmerksame und ausschweifende Wanderer Findlinge, also Felsbrocken, die nicht durch Herabfallen aus höher gelegenen Felspartien oder Felswänden an die jeweilige Position gelangt sind, sondern durch das Eis dorthin transportiert worden waren. Ebenso viele Beispiele für die Abreibung des Felsuntergrundes durch das Eis, bzw. durch im Eis eingeschlossene Steine. Diesen Vorgang nennt man auch Gletscherschliff oder Detersion. Ich vermute, dass der Gletscher um 1850 bis zu einer Höhe von 2200 Metern vorgestoßen war. Dort, am Ende des kleinen Tales befindet sich eine ausgeprägte Karschwelle, davor ein kleines, teilweise verlandetes Becken.

Bereich der maximalen Ausdehnung des Schwarzmilzferners um 1850
Der Bereich der maximalen Ausdehnung des Gletschers um 1850 mit dem kleinen Becken vor der Karschwelle. Alle folgenden Bilder wurden mit einem Polfilter aufgenommen, deshalb der tiefblaue Himmel.

Zahlreich sind Gletscherschliffe, also Beispiele für das Schleifen des felsigen Untergrundes durch das Eis:

Dass die Gletscherschliffe nicht von Dauer sind, sondern je nach Gesteinsart möglicherweise sehr schnell verwittern, wird in den folgenden Bildern klar: Felsoberflächen, die vor 170 Jahren eisbedeckt und glatt waren und jetzt schon deutliche Verwitterungszeichen zeigen.

Weitere Bilder aus der Umgebung des Eisfeldes:

In der Umgebung des Ferners befindet sich auch jede Menge Müll. Er hat sich über viele Jahre angesammelt, war vom Eis verschlungen und liegt nun auf dem freigelegten Untergrund. Darunter sind vor allem verrostete Büchsen und Flaschen.

Eine kleine Flasche für das „Feuerwasser“, das ein Bergsteiger zum Aufwärmen dabei hatte?

Erscheinungen auf und am Gletscher, sowie Ausdehnung des Schwarzmilzferners

Am tiefsten Punkt des Eisfeldes befindet sich ein kleiner Schmelzwassersee. Auf dem Eisfeld findet man Schmelzwasserkanäle von bis zu zwei oder drei Metern Tiefe. Die Geräusche, die von dort zu hören sind, sind deutlich und ziemlich laut, einem Gurgeln ähnlich. Am Rande der Eisfläche wird der Untergrund weich und instabil, weil der Permafrost oder das Eis unter dem Geröll auftaut. Da sinkt der Wanderer ein und wird vielleicht für einen Moment von Angst ergriffen. Geröll und Sande werden von den oberhalb des Eisfeldes gelegenen Felswänden eingetragen und lagern sich auf der Oberfläche des Eises ab. An den Stellen, an denen das Regenwasser aus den Felswänden gebündelt auf das Eis trifft, befinden sich Schmelzkegel oder Hohlformen, die vielleicht auch an die Form einer Randspalte erinnern. 

Eishöhle am Schwarzmilzferner

In einem am Fuß der Felswand gelegenen Bereich, der vielleicht vom Regenwasser ausgehöhlt worden war, bildete sich eine Eishöhle. Wasser, das sich in diese ergoss, konnte im Frühjahr vielleicht nicht abfließen und staute sich bis zu einer bestimmten Höhe auf. Dann fror die Oberfläche dieses gestauten Wassers zu und Neuschnee bedeckte das ganze Gelände. Bei meinem Besuch war die Eisschicht oberhalb des Stauwassers kollabiert, das darunter gestaute Wasser war entwichen und somit war die Höhle begehbar. Die Ausmaße der Höhle erreichten eine Höhe von etwa 4 Metern. 

Blankeis liegt stellenweise deutlich sichtbar an der Oberfläche. An anderen Stellen ist es leicht verdeckt von jüngerem Firn oder Schutt und sandigem Material. Eine Erklärung für die unterschiedliche Färbung des Eises – dunkelblau oder hellblau – liefert Bernhard Edmaier in seinem Eintrag über Patagoniens warme Gletscher: Danach erscheint die Farbe des Eises umso dunkler, je weniger Luftbläschen darin eingeschlossen sind.

Immer wieder schön anzusehen sind die Bilder, die das Wasser aus dem sandigen Gesteinsmaterial zaubert:

Wenn ich Ausdehnung und Zustand des Schwarzmilzferners betrachte, zeigt sich mir ein „kümmerliches“ Bild und es ist denkbar, dass von dem Eisfeld in 3 bis 10 oder in 3 bis 5 Jahren nichts mehr übrig ist. Das wird vor allem von der Schneemenge in den Wintern und dem Zeitpunkt abhängen, ab wann jeweils der Neuschnee abgeschmolzen ist und das Eis nicht länger vor der Sonneneinstrahlung schützen kann.

Wer sich für weitere anschauliche Beispiele und Ausführungen zum Rückzug der Gletscher interessiert, dem empfehle ich die Beiträge von Lukas Ruetz aus dem Sellrain: Gletscherspuren und Gletscherrelikte, Gletscherstrawanzen am Lüsener Ferner, Gletschervergleiche Region Kühtai/Sellraintal.

Ist es bedauerlich, dass die Alpengletscher fast alle verschwinden werden?

Genauso könnte ich fragen, ob es bedauerlich sei, dass im Mittelalter die Alpen nahezu eisfrei waren. Für mich ist das Schwinden vieler Alpengletscher erst einmal ein Fakt. Vor ein paar Jahren noch hatte ich mir angesichts dieser Aussicht Sorgen gemacht und mir von meinen Zukunftsängsten das Leben schwer machen lassen. Ich ließ mich von den apokalyptischen Szenarien der Meinungsmacher beeinflussen, auch wenn ich keine Straßen blockiert habe. Heute blicke ich auf das Abschmelzen der Gletscher zwar auch mit einem Bedauern, denn für mich sind sie Naturerscheinungen, die mich sehr faszinieren. Aber ich bin gelassener geworden. Ich mache mir um die Erde und das Überleben der Menschheit keine Sorgen.

Was ist das eigentliche Problem?

Die Szenarien und Prognosen des Potsdam Institut für Klimafolgenforschung kann ich nicht teilen. In einer Pressemeldung vom 6.12. 2019 hieß es dort: „Der Klimawandel bedroht die Ernährungssicherheit und die Gesundheit von Millionen Menschen“ – eine Aussage, die ich so nicht tätigen möchte. In meinen Augen bedroht der Wandel des Klimas nicht die Ernährungssicherheit und Gesundheit der Menschen. Die Erde bietet genug Möglichkeiten für unsere Ernährung. Der Klimawandel bedroht aber unsere Art der industriellen Landwirtschaft und wir müssen wohl eine neue Landwirtschaft entwickeln. Die Menschen werden die Krise sicher überstehen, wenn sie sich auf naturgemäßere Arten der Landwirtschaft besinnen. Ich denke dabei vor allem an Ansätze der Permakultur, wo Nahrung in kleinen Strukturen für den lokalen Bedarf angebaut wird. Niemandem wird das Wasser ausgehen, wir müssen die Niederschläge für die lokale Erzeugung von Nahrung nur sinnvoll speichern und nutzen. Wenn es um die Biodiversität geht, denke ich, dass der Mensch mit seiner Art der Landnutzung und Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Lebensformen viel direkter und nicht nur über das Klima die Biodiversität bedroht. Ginge es wirklich um Nachhaltigkeit und um ein gleichberechtigtes Miteinander, würden wir alle ein anderes Leben führen.

Klimawandel hat es immer gegeben

Das Klima der Erde ist ein volatiles System, war und ist immer schon im Wandel begriffen. Die heutige Wissenschaft suggeriert dem Menschen, dass er über der Natur steht und die völlige Kontrolle erlangen kann. Dem aber ist nicht so. Die Wissenschaft kann dem Menschen helfen, sich und seine Welt besser zu verstehen. Kontrolle ist eine Illusion. Unser Handeln sollte nicht angstgeleitet sein, aber Medien und Politik zeigen uns ständig Angstszenarien.

Wie wohltuend ist es dagegen, in Wolfgang Behringers Buch „Kulturgeschichte des Klimas“ zu lesen. Darin kann ich nachvollziehen, wie der Mensch auf den ständigen Wandel der Natur in der Geschichte reagiert hat. Die großen Katastrophen der Vergangenheit waren wohl kaum hervorgerufen durch den Menschen, sondern liegen im Bereich der natürlichen Schwankungen des Klimas auf der Erde oder anderer nicht menschlicher Faktoren. Behringer unterstreicht, dass Dürre und Kälte dem Menschen sehr viel mehr zugesetzt haben als Wärme. Dürre gab es immer wieder, und nicht nur über ein Jahr hinweg, sondern über Jahrzehnte. Haben wir jüngst erlebt, dass Rhein und Donau nahezu ausgetrocknet waren? Behringer zeigt auf, dass solche Ereignisse in der mittelalterlichen Warmzeit auftraten (vgl. S. 103ff), aber vermehrt in Phasen einer Abkühlung, wie sie beispielsweise etwa zwischen dem 3. und dem 9. Jahrhundert n. Chr. oder vom 14. bis zum 19. Jahrhundert n. Chr. vorlagen.

Das Märchen vom Gleichgewicht des Klimas wurde bereits im ersten Klimareport des IPCC von 1990 widerlegt. Sowohl auf der Ebene der letzten Jahrmillion, als auch der letzten 10000 Jahre, als auch der letzten 1000 Jahre finden wir einen ständigen Wechsel von Kalt- und Warmzeiten. (S. 10)

In der Zeitspanne von ca. 6000 bis 3000 Jahren v. Chr., dem mittleren Holozän, oder Atlantikum lagen die Temperaturen durchschnittlich zwei bis drei Grad höher als am Ende des 20. Jahrhundert. Das Klima war deutlich wärmer und feuchter, was der Entwicklung der menschlichen Zivilisation sehr entgegen kam (vgl. S 65 ff). Nordafrika und der Vordere Orient erlebte eine Blütezeit, bis die dort entstandenen Kulturen unter den Auswirkungen verheerender Dürreperioden um das Jahr 2150 v. Chr. kollabierten (vgl. S 74 ff).

Klimakatastrophen in der jüngsten Vergangenheit

Für den Zusammenbruch der Mayakultur macht er vier Perioden extremer Dürre verantwortlich: „eine mehrjährige Dürre um das Jahr 760, eine neunjährige Dürre um das Jahr 810, eine dreijährige Dürre um das Jahr 860 und eine sechsjährige Dürre um das Jahr 910 n. Chr.“ (S. 99). An anderer Stelle erwähnt er eine 30-jährige Dürre in südlichen andinen Hochland (S. 100). In diesem Zusammenhang wurde vorgeschlagen, dass die Entwicklung und die Abwesenheit von Hochkulturen mit den Befunden über Niederschlagsmengen synchronisiert werde (vgl. ebd).

Wegen der Kälte, der Instabilität des Klimas wurden die meisten Siedlungen nördlich der Alpen in der Spätantike, also in dem Zeitraum zwischen dem 3. und dem 9. Jahrhundert n. Chr aufgegeben. Landwirtschaftliche Aktivität nahm insgesamt ab, Wälder drangen vor und die Menschen mussten neue Siedlungsmuster entwickeln (vgl. S. 93ff). Ein „Bild fortwährender schwerer Regenfälle und Gewitter, heftiger Schneefälle und später Fröste, an denen sogar die Vögel starben, schwerer Überschwemmungen, Felsstürze in den Bergen, Viehseuchen, schwerer Missernten, Hungersnot, bekannter und unbekannter Seuchen“ (S. 95) wird für diese Zeit gezeichnet. Kälte und Missernten schwächten die Gesundheit der Menschen und Seuchen wie Lepra breiteten sich aus (vgl. S. 97). 

Klima-Extreme hat es immer gegeben

Aber selbst „während der Hochmittelalterlichen Warmzeit gab es grausame Klima-Extreme wie etwa den Winter des Jahres 1010/1011, in dem der Bosporus zufror und der Nil Eis führte. Im Winter 1118 wurde Treibeis vor Island gesichtet, in Sachsen dauerten Fröste bis in den Juni und der Frost hielt die Lagune von Venedig im Griff: Man konnte über das Eis bis ins Zentrum der Markusrepublik reiten. Der nächste Sommer war durch Hunger und hohe Sterblichkeit gekennzeichnet. … Die 1180 Jahre brachten die wärmste bekannte Winterdekade überhaupt. Im Januar 1186/87 blühten bei Straßburg die Bäume. Bereits früher stößt man auf längere Hitzephasen, etwa zwischen 1021 und 1040. Nürnberger Quellen klagen für 1022, dass Menschen ‚auff den Strassen vor großer Hiz verschmachtet und ersticket‘ seien, Bäche und Flüsse, Seen und Brunnen austrockneten und Wassermangel eintrat.“ Im Sommer 1130 konnten, wie oben bereits angedeutet, der Rhein, und 1135 die Donau zu Fuß überquert werden (vgl. S. 105).

Gletscherspalte am Schwarzmilzferner
Nicht immer sind Gletscherspalten so offensichtlich. Mit den Lücken und Tücken in unserem Denken über den Klimawandel ist es wohl ähnlich… (Quelle: Oberstdorfer Verschönerungsverein)

Klimahysterie oder besonnene Interpretation der Erscheinungen?

Der Historiker distanziert sich angesichts häufiger und großer Veränderungen im Klima der Erde von der Verwendung religiöser Metaphern und Bilder, wonach sich der Mensch gegen die Natur versündigt habe, oder von der „Mär vom verlorenen Gleichgewicht der Natur“ (S. 275 ff). Er tritt der Ansicht entgegen, dass die Erde krank sei und einen Arzt brauche. Solche Metaphern grenzen an „groben Unfug“. Wer sich für seine besonnene und abwägende Sichtweise interessiert, dem möchte ich seinen Artikel empfehlen, der 2012 in der Welt erschien: „Wir Menschen profitieren von der Erderwärmung“. Vor allem aber sein bereits erwähntes Buch, in dem er keineswegs die Notwendigkeit von Anpassungsleistungen und Strategien zur Minderung der globalen Erwärmung, von Naturschutzmaßnahmen im Allgemeinen bestreitet. Behringer macht deutlich, dass es dabei nicht um den Schutz der „Natur“ ginge, sondern um „eine gewohnte Art von Natur, einen ökologischen Zustand, der so viel oder so wenig ’natürlich‘ ist wie jeder andere Zustand. Beim ‚Naturschutz‘ geht es weniger um die Natur als um menschliches Wohlbefinden“ (S. 282).

 

Dieser Artikel hat 2 Kommentare

  1. Wow – welch wunderbare Bilder… du hast einfach einen großartigen Blick für die Details.

    Das Thema betreffend sehe ich es genauso wie Du. Klimawandel ist das Normalste der Welt, wenn man sich einmal die sehr langfristigen Zyklen ansieht. In unserer Kultur geht es wohl eher darum, dass gierige Unternehmer aufhören sollten, ihr Gift in die Flüsse zu schütten und andere derartige Probleme zu bereiten. Die Schwierigkeiten kommen durch die Globalisierung, Industrialisierung und das Streben nach Macht und Geld. Es gibt genügend Ansätze, wie wir wieder gesunde Nahrung, Luft und Boden bekommen können. Die Natur erholt sich schnell, wenn die gierige Minderheit endlich ihre Finger aus dem Spiel nimmt (Geoengeneering, Fracking, etc.).

    1. Danke für deine Zeilen. Ja, ich fände es auch interessant, zu erfahren, wie viele direkte Eingriffe in das Wettergeschehen durch den Menschen es gibt, und wie das Klima ohne den Menschen sich entwickeln würde. Nicht zuletzt ist Wettermanipulation ja auch Gegenstand militärischer Forschung und der Kriegsführung. Dazu gibt oder gab es sogar Beiträge im Fernsehen. Ja, und gute Ideen für einen besseren Umgang mit dem Leben und der Natur gibt es viele.

Schreibe einen Kommentar

Close Menu